Radio Beiträge
Claus Bachs Bildarchiv: Das 123. Mal
08. März 2023 / Radio, Stadtzeit,Mediathek
„Liebe Frauen und Mädchen, zum 08. März, dem Kampf- und Feiertag der Frauen der ganzen Welt, übermittelt Ihnen das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands die herzlichsten Grüße und Glückwünsche. Den diesjährigen internationalen Frauentag begehen wir inmitten einer breiten demokratischen Volksbewegung zur Vorbereitung der Kommunalwahlen und des 40. Jahrestages der Gründung unserer Deutschen Demokratischen Republik."
Das waren die einleitenden Grußworte des Generalsekretärs des ZK der SED, Erich Honecker, am 08. März 1989 an alle werktätigen Frauen der ehemaligen DDR.
Und wieder hatten sie eine weitere Glückwunschkarte in der Betriebspost-Ablage. Die sah meist so aus wie die alte. Inflationär war das. Denn in den letzten DDR-Jahren zeigten diese Karten ausschließlich farbige Blumenmotive. Nett garniert mit dünn geschwungenen Zierschriften. Denn längst war auch der Internationale Frauentag zur propagandistischen Phrase verkommen.
Dass das in den den 1950iger Jahren noch anders war, beweisen Devotionalen und Dokumente vieler DDR-Archive. So ist unter www.DDR-Geschichte.de ein Plakat aus dem Jahr 1950 zu sehen. Es erinnert an den 40. Jahrestag des internationalen Frauentages.
In der oberen Hälfte sieht man das Porträt seiner berühmten Initiatorin Clara Zetkin. Ganz nüchtern in schwarzweiß. Darunter dann das farbige Hauptmotiv: Ein junge Arbeiterin mit Kopftuch blickt über ein großes Lenkrad zielgerichtet in die Ferne. Erwartungsvoll und ehrgeizig sieht das aus. Die gesamte Grafik ist auffallend groß und orientierte sich freilich an sowjetischen Vorbildern. Inklusive kompatibler Blockschrift-Typografie.
Kurzum: Visueller Agit-Prop mit pragmatischem Hintergrund.
Denn infolge Männermangels in der Nachkriegszeit wurde jede Frau im sozialistischen Arbeitsalltag gebraucht. Und dabei selbstverständlich für die Öffentlichkeitsarbeit benutzerdefiniert verwertet.
Auf besagter Seite ist auch ein blaues Berliner Mitgliedsbuch des „DFD" zu sehen. Der hieß „Demokratischer Frauenbund Deutschlands" und wurde schon 1947 im damaligen Ostberlin gegründet. Hervorgegangen war er aus Teilen der internationalen Frauenrechtsbewegung und antifaschistischen Frauenausschüssen. Welche dann später auf einheitliche parteipolitische kommunistische Linie gebracht und zur Massenorganisation wurden. Als Teil des sogenannten „Demokratischen Blocks" der Nationalen Front der DDR. Wie letztere löste sich auch der DFD nach der Wende auf. Eine Demonstrationsparole vom Herbst 1989 brachte die Sache auf den Punkt. Sie lautete treffend: „Schluss mit dem DFD - Dienstbar, Folgsam, Dumpf".
Für viele Frauen war der internationale Frauentag zu DDR - Zeiten deshalb mehr als nur penetrant. Was heute in Zeiten vom MeToo und Gendergerechtigeit gänzlich anders ist. Und auch die blumigen Frauentags-Glückwunschkarten sind längst aus den Auslagen der Geschäfte verschwunden. Mehr als als romantisierende Feigenblatt-Funktion hatten sie ohnehin nie. Seit dem Jahr 2019 ist der internationale Frauentag in Berlin gesetzlicher Feiertag, im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern seit 2023. Was an der noch immerwährenden Schieflage der Geschlechtergleichstellung freilich wenig ändern wird.
(Claus Bach)
Claus Bachs Bildarchiv: Das 123. Mal
