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Claus Bachs Bildarchiv: die großen Acht

06. Juli 2022 / Radio, Stadtzeit,Mediathek
Claus Bachs Bildarchiv, Foto: Claus Bach
Claus Bachs Bildarchiv, Foto: Claus Bach

In gleichmal acht Kategorien konnte das Biopic – Drama „Lieber Thomas" die Jury des diesjährigen Deutschen Filmpreises überzeugen. Die goldene Lola bekam er für die beste Regie, Drehbuch, Männliche Hauptrolle, weibliche Nebenrolle, Kamera und Bildgestaltung, Schnitt, Szenen – und Kostümbild. Das war durchaus eine Überraschung. Denn als der Film im November 2021 in die deutschen Kinos kam, polarisierte er sein Publikum. Die Reaktionen schwankten zwischen brillant und völlig pathetisch übertrieben.

„Lieber Thomas" ist die Verfilmung der Vita des Schriftstellers Thomas Brasch,

einem typischen Bonzenkind der DDR. So wurden damals jene privilegierten Söhne und Töchter bezeichnet, deren Eltern die obersten Positionen der SED – Parteihierarchie bekleideten. Thomas Brasch war erster Sprössling des stellvertretenden Kulturministers der DDR namens Horst Brasch. Letzterer war früherer Kampfgefährte des späteren Staatratsvorsitzenden Erich Honecker. Und als hart entschlossener Kämpfer gegen den mörderischen westdeutschen Imperialismus schickte Vater Brasch seinen Sohn nach Naumburg, in die einzige Kadettenschule der Nationalen Volksarmee.

Selbstverständlich hatte der Sohn die Tradition des antifaschistischen Kampfes fortzusetzen. Vier Jahre lang war der zehnjährige Thomas preußischem Drill und Mobbing in einer Kaserne der ausgehenden 1950iger Jahre ausgesetzt. So beginnt das Biopic „Lieber Thomas". Der Film ist durchweg in minimalistischem schwarzweiß gehalten und erzählt sein Leben in bisweilen drastischen und surreal - verstörenden Szenen. Etwa dann, wenn man einen kleinen Kameraden - Kadettenschüler aus Verzweiflung Glasscherben einer zerborstenen Neonröhre kauen sieht.

Oder Jahre später, als der Vater den eigenen Sohn nach einer Flugblatt - Aktion an die Staatssicherheit verpfeift.

So war es nur folgerichtig, dass der Sohn zum Antipoden des Vaters wurde und gleichmal dessen Parteikarriere beendete. Da halfen auch die besten Partei - Connections nicht mehr.

In mehr als eindringlichen und poetischen Bildern zeigt der überlange zweieinhalbstündige Film die Entwicklungsstationen eines Autoren, der seit frühester Jugend von einer fast unerträglichen Zerrissenheit getrieben wurde.

Dabei spannt sich der Handlungsbogen von Braschs Künstlerkarriere vom durchschlagenden Erfolg seines ersten Romans in der BRD des Jahres 1977 über seine Gedichte bis hin zu seinen Filmen und der schließlich aktiv betriebenen Selbstzerstörung zum Ende des 20. Jahrhunderts. Infolge Verlusts seines hassgeliebten DDR – Heimatlands. „Lieber Thomas" kommt nicht nur der Person Thomas Brasch und seiner Zeit ungewöhnlich nahe. Mehr noch: Er könnte auch nachfolgende Generationen für ihre eigenen Widersprüche sensibilisieren. Und genau das ist das Besondere.

Denn: Es gab keinen, aber auch keinen Autoren, der vor allem in seinen verknappten Gedichten derart sprachgewaltig und zeitlos unsere Existenz zur Disposition gestellt hat. Genau das wird von ihm bleiben.

„Lieber Thomas" ist unterteilt in sieben Kapitel, welche nach den sieben Zeilen seines wohl bekanntesten Gedichts benannt sind:

„Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber

wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber

die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber

die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber

wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber

wo ich sterbe, da will ich nicht hin, aber

Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin"

(Claus Bach)

 

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Autor: nbv