Radio Beiträge

Claus Bachs Bildarchiv: Geteilter Schwof

07. Februar 2024 / Radio, Stadtzeit,Mediathek
Claus Bachs Bildarchiv, Foto: Claus Bach
Claus Bachs Bildarchiv, Foto: Claus Bach

Seit dem 28. Januar 2024 ist nun die zweite Station der erfolgreichen Fotografie-Ausstellung „Der große Schwof. Feste feiern im Osten" zu sehen. Und gleich an zwei Orten: Als da wären das „Museum im Dieselkraftwerk" in Cottbus und die „Rathaushalle" in Frankfurt/Oder. Beide Lokalitäten fusionierten 2017 zum „Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst". „Der Staat und seine Rebellen" nennt sich das Kapitel in Cottbus, „Von der Stadt aufs Land" heißt es in Frankfurt. So können sich die Besucher gleich zweimal auf Reisen begeben, um geronnenen DDR-Frohsinn auf den reichlich 300 Fotografien zu betrachten. Vorausgesetzt, die Neugier motiviert zum Aufwand. Andernfalls hat man die Wahl zwischen der Besichtigung von Partyfotos der Subkultur in Cottbus und feucht-fröhlichen Feiern auf privaten und öffentlichen Allgemeinplätzen in Frankfurt. Was sich schwierig gestalten dürfte und noch dazu unfreiwillig irritiert. Denn im DDR-Schwof waren irgendwie irgendwann alle gleich und trennende gesellschaftliche Schichten manchmal temporär miteinander verschmolzen. Von der Spontanparty über Geburtstagsfeten, Jubiläumsfeiern, Volksfesten, bizarren Inszenierungen der Subkultur, Underground-, Hochzeits- und Ausreisepartys. Nichts, aber auch nichts wurde als Anlass zum alkoholgeschwängerten Feiern ausgelassen. Nur so konnte man der immerwährenden grauen Tristesse des Alltags eine lupenrein private Welt entgegensetzen. Jene zelebrierten temporären Parallelwelten hatten eine immens wichtige Ventilfunktion und gerieten für sehr viele zu einer Art Überlebensverfahren. Katerstimmung danach inbegriffen.

Im offiziellen Sprachjargon des Arbeitsalltags nannte sich das übrigens „Gemütliches Beisammensein" und geriet bisweilen zur ausufernden Endlosparty mit offenem Ausgang. Apropos offen.

Selbstverständlich ist auf sehr vielen Fotografien sehr viel spärlich bedeckte Haut in Form eng miteinander verschlungener Körper gleichem oder unterschiedlichem Geschlechts auszumachen. Sowas würde wohl heute nur von kurzer Dauer sein. Infolge Anzeigen wegen sexueller Belästigung und dergleichen. Mitunter wirken alle ausgestellten Fotos weit entrückt, dem Blick in eine rätselhafte Zeitkapsel gleich.

Zeugnis und zugleich ungewollt soziologisch visueller Exkurs in längst vergessene, vermeintliche Phantasiewelten. In einem Land, dass sich in seinen letzten Jahren im Zustand stetiger Auflösung befand. Bekanntermaßen verließen es immer mehr seiner Bürger*innen. Auch davon zeugen einige Fotos in Cottbus. Kuratiert wurde die Show von der Bildredakteurin Petra Göllnitz. Nach ihrer Zeit in der Redaktion der DDR-Zeitschrift „Das Magazin" ging auch sie 1989 in den Westen Deutschlands und war ganze 30 Jahre Bildredakteurin beim Hamburger Magazin „Stern". Zuständig für die Bebilderung aus den sogenannten „neuen Bundesländern". Mitunter wurde ihr dabei von den Westkollegen allen Ernstes erklärt, wie die DDR funktioniert hat. Genau jene Momente waren für sie Auslöser, diese Ausstellung zu installieren. Sie rief und 31 eingeladene Fotograf*innen waren mit ihren Bildern und Texten zur Stelle. In Form expliziter Interviews zur eigenen Lebens - und Arbeitswelt. Freilich sind Ausstellungen jener Art immer ein Garant starker Publikumsfrequenz. Als Vergewisserung der eigenen Biografie und Lebensleistung für viele ehemalige DDR - Bürger*innen und als Erkundung jüngster Deutscher Geschichte für Nachfolge - Generationen.

Das wurde auch bei den Vernissagen an beiden Orten mehr als deutlich.

In Cottbus war dem RBB die Vernissage schon mal eine zweistündige „radioeins"-Live-Schalte wert. Mit anschließend kompatibler Mugge von

DDR-Undergroundtapes des Labels Tapetopia. Die Ausstellung ist noch bis zum 5. Mai 2024 an beiden Orten zu sehen. Flankiert von einem üppigen Katalog, der bereits in zweiter Auflage erschienen ist.

Nach einer weiteren Station in der Kunsthalle Rostock soll sie auch im Ausland gezeigt werden. Und das wäre dann in der Tat ein richtiges Novum.

 

(Claus Bach)

Claus Bachs Bildarchiv: Geteilter Schwof

Autor: nbv