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Claus Bachs Bildarchiv: Nachts im Hinterhof
31. Juli 2024 / Radio, Stadtzeit,Mediathek
Eine nackte junge Frau dehnt sich weit aus dem geöffneten Seitenfenster eines blauen Kleinwagens und umklammert eine männlichen Person. Die trägt einen luftig weißen Anzug und ist nur von hinten zu sehen. Dabei steht sie mit mit angelegten Armen hilflos im Raum. Der Kopf der Frau schmiegt sich an Arme und Unterkörper des Mannes, ihre Augen sind geschlossen. Bei näherem Hinsehen ist der Kleinwagen als einer der Marke „Trabant" auszumachen. Diese nächtliche Szene spielt sich offensichtlich in einem Hinterhof ab und wurde durch einen grellen Frontalblitz erleuchtet. Jenes mutwillig voyeuristisch inszenierte Farbfoto des Leipziger Fotografen Olaf Martens ist das Plakatmotiv der Ausstellung „Der große Schwof – Feste Feiern im Osten". Die ist nun seit dem 09. Juni in der Kunsthalle Rostock zu sehen. Auf ihrer dritten und vorerst letzten Station. Dort können nun auch die Besucher des nördlichen Landesteils geronnenen DDR – Frohsinn auf reichlich 300 Fotografien betrachten. Von der Spontanparty über Geburtstagsfeten, Jubiläumsfeiern, Volksfesten, bizarren Inszenierungen der Subkultur, Underground, - Hochzeits - und Ausreisepartys. Nichts, aber auch nichts wurde als Anlass zum alkoholgeschwängerten Feiern ausgelassen. Nur so konnte man der immerwährenden grauen Tristesse des Alltags eine lupenrein private Welt entgegensetzen. Jene zelebrierten temporären Parallelwelten hatten eine immens wichtige Ventilfunktion und gerieten für sehr viele zu einer Art Überlebensverfahren. Katerstimmung danach inbegriffen.
Im offiziellen Sprachjargon des Arbeitsalltags nannte sich das übrigens „Gemütliches Beisammensein" und geriet bisweilen zur ausufernden Endlosparty mit offenem Ausgang. Apropos offen.
Selbstverständlich ist auf sehr vielen Fotografien sehr viel spärlich bedeckte Haut in Form eng miteinander verschlungener Körper gleich - oder unterschiedlichen Geschlechts auszumachen. Sowas würde wohl heute nur von kurzer Dauer sein. Infolge Anzeigen wegen sexueller Belästigung und dergleichen. Mitunter wirken alle ausgestellten Fotos weit entrückt, dem Blick in eine rätselhafte Zeitkapsel gleich.
Zeugnis und zugleich ungewollt soziologisch - visueller Exkurs in längst vergessene, vermeintliche Phantasiewelten. In einem Land, dass sich in seinen letzten Jahren im Zustand stetiger Auflösung befand. Bekanntermaßen verließen es immer mehr seiner Bürger*innen. Kuratiert wurde die Show von der Bildredakteurin Petra Göllnitz. Nach ihrer Zeit in der Redaktion der DDR – Zeitschrift „Das Magazin" ging auch sie 1989 in den Westen Deutschlands und war ganze 30 Jahre Bildredakteurin beim Hamburger Magazin „Stern". Zuständig für die Bebilderung aus den sogenannten „neuen Bundesländern". Mitunter wurde ihr dabei von den Westkollegen allen Ernstes erklärt, wie die DDR funktioniert hat. Genau jene Momente waren für sie Auslöser, diese Ausstellung zu installieren. Sie rief und 31 eingeladene Fotograf*innen waren mit ihren Bildern und Texten zur Stelle. Letztere In Form expliziter Interviews zur eigenen Lebens - und Arbeitswelt. Freilich sind Ausstellungen jener Art immer ein Garant starker Publikumsfrequenz. Als Vergewisserung der eigenen Biografie und Lebensleistung für viele ehemalige DDR - Bürger*innen und als Erkundung jüngster Deutscher Geschichte für die Nachfolge - Generationen.
Das wurde auch bei der Vernissage in der Kunsthalle mehr als deutlich.
Begleitet wird die Show von einem üppigen Katalog, der bereits in zweiter Auflage erschienen ist. Die Ausstellung ist noch bis zum 08. September 2024 zu sehen. Selbstverständlich umrankt von kompatibler Mucke.
Claus Bach
Claus Bachs Bildarchiv: Nachts im Hinterhof