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Claus Bachs Bildarchiv: Neue Horizonte

09. April 2025 / Radio, Stadtzeit,Mediathek

Am vergangenen Wochenende wurde bekanntermaßen der 80. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora begangen. Wie jedes Jahr fand die Gedenkfeier mit einigen letzten Zeitzeugen auf dem Appellplatz des KZ Buchenwald statt. Unweit des Eingangstores mit der zynischen Inschrift „Jedem das Seine". Genau jener Spruch hat über die Jahrzehnte eine ganz eigene mediale Geschichte aufzuweisen und zeigt, wie wichtig lebendige Erinnerung an die jüngere Vergangenheit ist. Denn schon seit Jahren wird dieser Spruch in unregelmäßigen Abständen gern zu werbetechnischen Zwecken verwendet. So hatten im Jahr 2019 die Werbetexter des Modeunternehmens „Peek & Cloppenburg" den von den Nazis missbrauchten Spruch „Jedem das Seine" für eine Werbebroschüre in Dresden genutzt. Die warb für eine Kollektion weißer Hemden mit bunten Krawatten. Nach dem öffentlichen Protest eines Politikers der Partei der Linken entschuldigte sich das Unternehmen und entfernte den Spruch. Man wollte freilich nicht die Gefühle anderer verletzen. Doch das war keinesfalls das erste Mal. Immer deutlicher wird die offensichtlich enthemmte geschichtsfreie Nutzung von Zitaten und Aussprüchen durch Textautoren der Werbebranche. Selbstverständlich geht es stets um schlagkräftige Reklame im zeitgenössischen Hochleistungswettbewerb. Und wenn es sich dann noch mit einem medialen Skandal verbindet, werden auch die Kritisierenden effektiver Teil der Kampagne. Bleibt offen, ob dieses unterstellende Kalkül wahr oder erfunden ist. Wahr ist jedenfalls, dass jener ursprüngliche Ausspruch der griechischen Philosophie „Jedem das Seine" in den letzten 22 Jahren schon des Öfteren gern genommen wurde. Nachfolgend eine kleine, wahrscheinlich unvollständige Nutzungschronik:

1997 warb damit erstmals die Firma „microsoft" für Bürosoftware.

1998 nutze der Konzern „NOKIA" den Ausspruch.

1999 warb damit das Nahrungsmittelunternehmen Rewe für Grillzubehör.

Ebenfalls 1999 stand „Jedem das Seine" auf den Faltblättern der Erfurter Filiale „Burger King".

2001 war der Spruch auf einer Werbeaktion der Münchner „Merkur-Bank" zu lesen.

Im gleichen Jahr ließ sich dann auch die deutsche Telekom nicht lumpen und titelte „Jedem das Seine" in ihrer Werbebroschüre.

2009 hatten die Firmen Tschibo und Esso den Spruch für eine ihrer Kampagen genutzt.

Befragt nach den Ursachen, winden sich die Akteure meist wie die Aale: Man hätte „das nicht gewusst" oder „könne nicht verstehen, dass die Vergangenheit so hochgespielt wird." und so weiter. Dann folgen die Bereuungs-Rituale inclusive Stopps betreffender Aktion. Doch offensichtlich wird in der Werbeszene der kritische Verweis auf den Missbrauch diverser Nazi-Sprüche eher als eine Art lästige Zensur durch verbildete Intellektuelle, Journalisten und Politiker gesehen. Anders ist die immer währende Benutzung des KZ-Spruchs nicht mehr zu erklären. Schlichte Recherche-Faulheit und Intellektuelle Einfalt wird offensichtlich mit Kreativität verwechselt.

Und es wird vermutlich nur eine Frage der Zeit sein, bis „Jedem das Seine" als Titel der Kampagne für eine Lebensversicherung in unseren Briefkasten landet. Immer offen für neue Horizonte oder so ähnlich.

Claus Bach

Claus Bachs Bildarchiv: Neue Horizonte

Autor: nbv