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Claus Bachs Bildarchiv: Snowbombing
18. Dezember 2024 / Radio, Stadtzeit,Mediathek
Wer im Begriff ist, seinen Winterurlaub in der Tiroler Region Österreichs zu planen, sollte sich nicht unbedingt die Publikationen des Fotografen Lois Hechenblaikner ansehen. Denn dort wird man auf wenig einladende oder romantische Wintersportbilder treffen. Vielmehr auf ausgesprochen verstörende Fotografien, die den zeitgenössischen Massen-Skitourismus in seiner geronnensten Form zeigen. Akribisch komplex und in all seinen bizarren Facetten. Die beginnen mit der großflächigen Bedeckung abschmelzender Gletscher durch reinweiß reflektierende Kunststofffolien, um das Verschwinden dortiger Skipisten noch irgendwie aufzuhalten. „Alpine Leichentücher" nannte sie ein Künstlerkollege, „Gletscherpathologie" nennt es Lois Hechenblaikner. Sie sollen das Kapital der Region in Form nicht mehr ganz so weißem Schnees konservieren. Des Weiteren hat er die Aufbereitung der winterlichen Skipisten bis hin zur finalen Nutzung durch die Zielgruppe dokumentiert: Alles muss perfekt sein für die anreisenden Abfahrtski- und Snowboard-Touries als dominanter Wirtschaftsfaktor der Region. Zur Hauptsaison soll ihnen für ihr Geld alles geboten werden. Von den präparierten Pisten bis hin zur enthemmten Gaudi. Die Schneekanonen rotieren, aus unterirdischen Flüssigkeitscontainern wird alkoholisches Treibmittel mittels labyrinthischem Druckschlauchsystem zu den Tresen der Aprè Ski Bars gepumpt. Ehemals kleine Alpinhütten mutieren zu hölzernen Dancefloor-Arenen. „Jeden Dienstag Fiesta Montanana. Tequila in Action" verkündet das urige Eingangsschild einer Örtlichkeit. Exzessive open Air-Partys bei sonnigem Wetter stehen in permanenter Kokurrenz zum Volk der Skipisten-Akteure.
Alpiner Geschwindigkeitsrausch trifft und vereint Skitourist*innen zur enthemmten Party-Extase mit orangefarbener Sexpuppe. Ein Kinderwagen wird zum Schnapstransporter umfunktioniert. Nichts, aber auch nichts wird ausgelassen. Zu wummerndem Disco-Sound oder dem exklusiv eingeflogener Rockstars. Je nach alkoholgeschwängerter Laune wird akrobatisch geschunkelt oder auf einem Haufen leerer Bierfässer posiert. Gern spärlich bekleidet oder kostümiert. Snowbombing ist die Devise. Kopulierender Freizeitrausch als gäbe es kein Morgen. „Snow, Sex & Fondue" steht programmatisch auf der schwarzen Softshellweste eines jungen Mannes mit Sonnenbrille. „Delirium Alpinum" nennt Lois Hechenblaikner jenen obszessiven Zustand in seinen bisweilen schwarzhumorigen Bildvorträgen. Das kleine Tiroler Dorf Ischgl ist dabei Epizentrum jener Szene und wurde 2020 Hotspot und Menetekel der Corona-Pandemie in Europa. Fotografien geschredderter Skier, geborstener Helme und abgenommener Gipsverbände offenbaren einen ernüchternden Blick hinter die Kulissen des schönen Tiroler Winterurlaubs - Scheins. Überflüssig zu sagen, dass Lois Hechenblaikner für viele als geschäftsschädigender Netzbeschmutzer gilt. Zumal er selbst im Tirol aufgewachsen ist. Seit gut 30 Jahren treibt ihn jener exzessive Massentourismus nicht nur fotografisch um. Denn seit langem engagiert er sich auch emphatisch für eine sanfte Art des Wintertourismus. Noch bis zum 19. Januar 2025 zeigt die hiesige ACC-Galerie in der Ausstellug „KUNST UND RAUSCH" einen markanten Querschnitt seiner Fotografien.
Claus Bach
Ausstellungslink: https://acc-weimar.de/ausstellungen/a/kunst_und_rausch-2022.html
Claus Bachs Bildarchiv: Snowbombing
