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Claus Bachs Bildarchiv: Von da an ging‘s bergab

13. Juli 2022 / Radio, Stadtzeit,Mediathek
Claus Bachs Bildarchiv, Foto: Claus Bach
Claus Bachs Bildarchiv, Foto: Claus Bach

Dass die documenta als vermeintlich zweitwichtigste internationale Kunstausstellung schon immer ihre eigenen Skandale hatte, dürfte selbst für Nichtkenner zeitgenössischer Kunst kein Geheimnis mehr sein und gehört offensichtlich irgendwie auch zur Show. Und warum auch nicht. Denn Kunst sollte durchaus Kontroversen auslösen. Fragt sich freilich immer, welche. Zum besseren Verständnis nachfolgend einige Beispiele der Vergangenheit: Als da wäre die Einladung des spanischen Sternekochs Ferran Adrià zur documenta XII im Jahr 2007, der nicht mal ansatzweise seiner offerierten Arbeit gerecht wurde und schlichtweg keinen der avisierten kulinarischen Event -Termine in seinem Restaurant realisierte. Oder die infolge Sturms zusammengekrachte Freiluft – Stuhlinstallation des Märtyrerkunst - Aktivisten Ai Wei Wei, der sein Kunstwerk unfreiwillig auf eine unverbindliche Bastelei reduzierte. Wider besserem Wissen als ausgebildeter Architekt redete er seine dilettantische Arbeit flockig – heiter schön und schwärmte von der Erhabenheit des Verfalls. Kunststudenten*innen wäre dafür ein glattes Ungenügend attestiert worden. Die künstlerische Leiterin der documenta XIII verbot gleichmal vorab alle Kunstinterventionen und Skulpturen im öffentlichen Raum, die nicht zu ihrer Kunstschau gehörten. Fast gottgleich duldete sie nicht die leiseste Konkurrenz neben sich. Der Ausstellungschef der documenta XIV ließ sich von seiner griechischen Künstlerfreundin dahingehend beeinflussen, die Kunstschau zeitgleich auch in Athen zu präsentieren. Ohne dabei auch nur eine einzige griechische Künstlerin oder Künstler zur Teilnahme einzuladen. Eine pure arrogante Vorführe in geronnenster Form. Die Folge war neben dem künstlerischen auch ein finanzieller Eklat.

Doch im Vergleich zum aktuellen Antisemitismus – Skandal um das Banner - Wimmelbild „Peoples Justice" des indonesischen Künstlerkollektivs taring padi dürften die beschriebenen Skandale deutlich zu Skandälchen schrumpfen. Denn jenes Banner markiert Menschen jüdischen Glaubens deutlich als aggressive, blutrünstig - durchtriebene Krieger und Geschäftemacher. Pikanterweise wurde es erst drei Tage nach der Eröffnung präsentiert und kurze Zeit später infolge heftiger Proteste der Öffentlichkeit von der Ausstellung entfernt. Seither tobt ein Streit um Verantwortlichkeiten. Und auch die teilnehmenden Künstler*innen reagierten. Zwei davon haben aus Protest ihre Arbeiten aus der Kunstschau zurückgezogen. Der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank und externe documenta - Berater Meron Mendel hat sein Engagement für die Ausstellung ebenfalls aufgekündigt. Übrig bleibt nun erst recht die Frage nach den Verantwortlichen des flächendeckenden Kunst – Desasters. Und einmal mehr gerät die vermeintliche Freiheit der Kunst in den Diskurs. Wobei das der geringere Teil des Problems ist und an dessen Kern vorbeigeht. Viel wichtiger tritt die Frage nach der Findungskommission der documenta und vor allem deren Kompetenz zu Tage. Bekanntlich stinkt der Fisch vom Kopf her. Denn jenes Findungsteam hätte sich im Vorfeld der Einladung des indonesischen Künstlerkollektivs ruangrupa als Kuratoren durchaus kundig machen können, welche Rolle der Antisemitismus in dessen Kulturkreis spielt. Nämlich keine besonders wesentliche. Und genau das ist der eigentliche Skandal der documenta XV. Weitere Risiken und Nebenwirkungen inbegriffen.

 

(Claus Bach)

 

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Autor: nbv