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Neulich im Netzwerk: Adventsstress oder christliche Werte?

29. November 2016 / Radio, Stadtzeit

 

Kaum ist die Osterdeko verstaut, ist schon wieder Adventszeit. So fühlt es sich zumindest manchmal an. Ehe man sich recht versieht, muss man schmücken, Plätzchen backen, Weihnachts-Musik rauskramen. Und dann natürlich auch die Familie besuchen. Ist ja schließlich Advent.

Dazu kommen diverse Wunschzettel, Geschenke-Käufe, Black-Friday-Shopping, sage ich nur...

Die Weihnachtsmärkte eröffnen allerorten und weil die Kinder da ja auch hin wollen, gestaltet sich die Adventszeit zunehmend zu einer wirklich stressigen Angelegenheit, die wirklich gut und effizient geplant und organisiert werden will.

Und dann passiert etwas Unvorhergesehenes und alles ist anders. Ich kam also am Sonntag mit Kind und Kegel von meinen Eltern. Die verreisen Weihnachten regelmäßig und deshalb wird schon am 1. Advent gefeiert. War auch sehr sehr schön.

Am Sonntag wollten wir dann zurückfahren, um zu Hause zu schmücken und den 1. Advent besinnlich ausklingen zu lassen. Soweit der Plan. Allerdings hatte das Universum etwas anderes mit uns vor. In der Nähe von Chemnitz knallte es und der Motor streikte. Das heißt, ich stand mit meinem Kind neben der übervollen Autobahn an der Leitplanke und wartete auf Rettung.

Vieles ging mir durch den Kopf in dieser Zeit. Warum sind am 1. Advent so viele Leute unterwegs? Warum hält nicht einer an, wenn da eine Frau und ein Kind stehen, um zu fragen, ob sie Hilfe brauchen? Warum fragt nicht einer mit Weimarer Kennzeichen, ob er uns mit nach Hause nehmen soll?

Wie auch immer. Nach einer halben Stunde kam der ADAC. Es war schon spannend, in dem großen Auto zu sitzen, langsam wieder warm zu werden und gerettet zu werden.

Der Mann war total nett. Wahrscheinlich hätte er auch lieber mit seiner Familie Stollen gegessen als fremde Leute zu retten. Aber das hat er sich nicht anmerken lassen. Ich wurde dann mit einem Mietwagen nach Hause geschickt und wir konnten das 1. Lichtlein dann am Ende noch anzünden.

Aber ich fing dann an zu überlegen, wie viele Leute wohl arbeiten an diesem Tag, um anderen zu helfen. Pannendienste, Altenpfleger, Ärzte, Krankenschwestern. Das fällt einem ja als erstes ein. Die AWO zum Beispiel. In Thüringen entfallen im ambulanten und stationären Bereich auf die AWO etwa 10 Prozent Marktanteil. Ganz grob geschätzt haben dort am Sonntag etwa 650 Menschen gearbeitet. Das wären dann hochgerechnet mehr als 6000.

Der ADAC schätzt, dass alleine in Thüringen 90 Pannenopfer gerettet wurden.

Und wenn man das schon das ganze Jahr über vergisst, will ich mich zumindest jetzt mal daran erinnern. Danke euch allen!

Komisch allerdings ist, dass, während die professionelle Hilfe solche Dimensionen annimmt, das Ganze im privaten Bereich scheinbar immer schwieriger wird.

Gerade im Advent tut man sich schwer, Freunde um Hilfe zu bitten. Oder Nachbarn. Man will ja die Besinnlichkeit nicht stören. An den Advents-Sonntagen besucht man auch eher selten spontan und unangemeldet Leute.

Dabei sollte ja eigentlich die Vorweihnachtszeit voller Liebe sein. Menschen sollten zusammen kommen. Kein anderes Fest ist heutzutage so ambivalent. Auf der einen Seite die christliche Tradition. Nächstenliebe, die Geburt im Stall, die Hoffnung. Auf der anderen Seite die Jagd nach Geschenken, die Konzentration auf Materielles, der Stress.

Und vielleicht hat ja deshalb keiner am Sonntag auf der A4 angehalten, weil professionelle Hilfe heutzutage so gut organisiert ist. Man bezahlt seinen Beitrag – egal ob an den ADAC oder die Krankenkasse oder sonst wen und dafür ist man nicht mehr verantwortlich für seinen Nächsten. Man hat sich frei gekauft so zu sagen.

Man spendet Weihnachten für Kinder oder Obdachlose und dafür muss man sich nicht schlecht fühlen, wenn jemand den Heiligen Abend auf der Straße verbringt. Hat irgendwie etwas von Ablasshandel. Maria und Josef hat damals auch keiner aufgenommen. Und heute sind Weihnachten die Kirchen voll, das Jesuskind, im Stall geboren, wird gefeiert.

Wenn aber danach, am Abend zu Hause, eine Frau klingeln würde, die gerade ein Kind bekommt, würde man nicht öffnen. Dafür gibt es ja die Notaufnahme im Krankenhaus. Und wenn man zum Weihnachtsspaziergang so durch die Straßen läuft, sieht man überall geschmückte Bäumchen, ahnt den Duft nach Räucherkerzen und Essen und weiß, dass überall hinter den Fenstern drei – vier Leute sitzen. Manche sind auch ganz alleine.

Wie schön wäre es, wenn die ganze Familie zusammen käme. Noch ein paar Freunde dazu oder die Nachbarin, die keinen mehr hat. Und alle zusammen feiern fröhlich Weihnachten. Singen, lachen, erzählen. Dann bräuchte man nicht mal Geschenke.

Höchstens für all die, die auch am Feiertag arbeiten, um anderen zu helfen. Die hätten sie wirklich verdient.

(Text: grit)

Autor: jom