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Claus Bachs Bildarchiv: Sechs Sekunden Ruhm

17. März 2022 / Radio, Stadtzeit,Mediathek
Claus Bachs Bildarchiv, Foto: Claus Bach
Claus Bachs Bildarchiv, Foto: Claus Bach

Das war schon mehr als nur eine Überraschung, als am letzten Montag in den Hauptnachrichten des russischen Staatsfernsehens eine Mitarbeiterin ein handgeschriebenes Transparent gegen den Angriffskrieg ihres Landes in der Ukraine in die Kamera hielt. „Stoppt den Krieg. Glaubt nicht der Propaganda. Hier werdet Ihr belogen. Russen gegen den Krieg", war darauf zu lesen. Für knapp sechs Sekunden blitzte die Wahrheit aus dem Propagandabrei auf. Und es nutzte auch nichts, dass der Sender kurz danach wegschaltete. Denn im Sekundentakt gingen jene Bilder um die ganze Welt viral. Zumal besagte Redakteurin ihre Aktion minutiös vorbereitet hatte. Ihr Statement im Netzwerk Twitter rechnete gründlich mit der Zombipropaganda und der verbrecherischen Invasion ihres Landes ab. Aber sie beschrieb darin auch ihre eigene Rolle, stellvertretend für viele Landsleute:

„Leider habe ich in den letzten Jahren viel Zeit damit verbracht, für Channel One zu arbeiten und Kreml-Propaganda zu machen, und dafür schäme ich mich zutiefst. Ich schäme mich, dass ich zugelassen habe, dass Lügen über den Fernsehbildschirm verbreitet werden. Wir haben diesem menschenfeindlichen Regime schweigend bei der Arbeit zugesehen. Und jetzt hat sich die ganze Welt von uns abgewandt. Und die nächsten 10 Generationen werden den Makel dieses Bruderkriegs nicht wegwaschen können. Wir Russen sind denkende und intelligente Menschen. Es liegt allein in unserer Macht, diesen Wahnsinn zu beenden."

Jene außerordentlich mutige TV-Partisanin heißt Marina Ovsyannikova und arbeitete als Redakteurin im Sender. Selbstverständlich wurde sie kurz nach ihrer Aktion verhaftet und von einem Gericht zunächst wegen „Rowdytum" zu einer Geldstrafe von 30.000 Rubel, umgerechnet 260 Euro, verurteilt. Ihr Fall würde aber noch geprüft und ein weiteres Verfahren wegen Verstoßes gegen das neue russische Mediengesetz eröffnet. Welches bekanntermaßen die öffentliche Verwendung des Wortes „Krieg" mit drakonischen Haftstrafen bis zu 15 Jahren ahndet. Kurzum, lupenreine Diktatur Stalin 2.0.

Seither quellen Statements in allen Medien weltweit vor Lob und Bewunderung förmlich über. Über Nacht wurde Mariana Ovsyannikowa eben nicht zum Star, sondern zur Heldin. Und das mehr als zurecht, wenn man das mal verkitscht ausdrücken darf. Denn sie hat sehr viel riskiert und ist offensichtlich bereit, alle Konsequenzen zu tragen. Das verdient Hochachtung. Mehr noch: Jener Ruhm der sechs Sekunden dürfte Mariana Ovsyannikowa wahrscheinlich weniger interessieren. Denn der Schlusssatz Ihres Statements gipfelt im wiederholten Aufruf:

„Geht protestieren. Habt keine Angst vor irgendetwas. Sie können uns nicht alle wegsperren."

Gut möglich, dass ihr Beispiel Schule macht und das russische Volk wider seinem Klischee des ewig Unterwürfigen handelt. Das wäre doch mal eine wunderbare Fiktion, leider zu weit weg vom Leben. Noch.

(Claus Bach)

 

 

 

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Autor: nbv