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Neulich im Netzwerk: Das Leben der Kühe
22. November 2016 / Radio, StadtzeitEin ganz entspannter Fernsehabend sollte es eigentlich werden. Mit Wein, Knabberzeug und Kerzen. War es auch. Bis ich beim Durchzappen auf arte landete. Ein Film über Kühe. Er begann damit, wie heimelig es aussieht, wenn in der Natur eine Herde Kühe friedlich grast. Wie uns Menschen schon dieser Anblick entspannt. Und dann wurde über das Leben der Kühe geredet. Entspannt, ohne Vorwürfe. Einfach so.
Wie die Tiere durch Zucht an die Bedürfnisse des Menschen angepasst werden. Wie die Eutergröße und – form durch Auslese so verändert werden, dass die modernen Melkmaschinen am besten halten. Wie die Kühe so lange am Leben gelassen werden, bis die Haltungskosten den Erlös für die Milch übersteigen.
Wenn man dann aber weiß, dass die Milchpreise im Laden schon bei nur 60 cent liegen, kann man sich vorstellen, wieviel der Milchbauer bekommt und was das für die Kühe bedeutet.
Allerdings wurde es nicht besser. Es ging weiter mit der Gewinnung des Super-Spermas. Wie eine Probe-Kuh Kälbchen austrägt und erst, wenn man die begutachtet hat, die Vater-Qualitäten des Bullen bewertet werden. Und wie ein Bulle zum Absamen Ochsen bespringt. Die halten so schön still. Und weil ein solcher Samenproduzent in seinem Leben nie eine Kuh zu Gesicht bekommt, merkt er nicht, dass er betrogen wird.
Gut war eigentlich nur, (weil eben arte) dass der Film nicht durch Werbung unterbrochen wurde, bei der es dieser Tage ja hauptsächlich um Essen, Trinken und Geschenke zum größten Fest der Christenheit dreht. Bei dem es eigentlich um etwas ganz anderes geht, aber das nur am Rande.
Dann, als ich dachte, es könnte nicht schlimmer kommen – eine Kuh, die gentechnisch so verändert wurde, dass sie Muttermilch gibt. Sie hat sechs biologische Mütter und keinen Vater. Zwei anonyme Frauen spendeten Gene, eine Kuh die Eizelle, eine andere Kuh trug den Embryo aus. Und dann gab es noch eine Ammen-Kuh, die das Kälbchen aufzog. Die 6. hab ich vergessen. Und weil diese Wesen so anfällig sind, hat die Kuh dann ihr Leben lang keine Artgenossen mehr gesehen. Ihre einzige Gesellschaft ist ein alter Mann, der sie seit ihrer Geburt betreut.
Bio-Reaktoren nennt man diese Wesen. Es gibt übrigens auch welche, die Insulin produzieren. Und das sind wahrscheinlich nur Beispiele.
Weil es aber in Europa kein Land erlaubt, gentechnisch veränderte oder erzeugte Produkte dieser Art zu verkaufen, leben (falls man das so nennen kann) diese Kühe in Südamerika. Dort dürfen die Wissenschaftler sehr viel mehr als hierzulande. Und offenbar ist es allen klar, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis diese Forschungen sich rentieren.
Zwei Tage vorher gab es im FB eine interessante Notiz, dass die Etiketten von Obst mehr verraten, als man denkt. Wenn darauf nämlich ein 5-stelliger Code steht, der mit einer 8 beginnt, so heißt es da, bedeutet das, dass dieses Obst gentechnisch verändert wurde. Bei Pflanzen darf man es nämlich schon.
Und ganz davon abgesehen, dass ich diesen Film ganz gruselig fand, dass ich Stunden diese Infos nicht aus dem Kopf bekommen habe, dass ich mich frage, was Mary Shelly wohl heutzutage für einen Frankenstein-Roman geschrieben hätte - was tut die Christenheit, die gerade heutzutage ihre Werte so vehement verteidigen zu müssen glaubt – ihren Mitgeschöpfen an?
Nach Bildern von Tiertransporten, Stall-Fabriken, nach Fotos von Kuh-Augen, aus denen auf dem Weg zum Schlachthof Tränen laufen, nach Kälbchen, die verzweifelt nach ihren Müttern rufen, wenn sie nicht sowieso schon „aussortiert" wurden – nach all dem dachte ich, es geht nicht schlimmer. Doch dieser Film, der nur helle, freundliche Ställe, blitzblanke Labors, gepflegte, gut genährte Tiere zeigte – er beweist, es geht eben doch. Schlimmer. Und noch schlimmer.
Tiere sind doch nicht nur dazu da, benutzt zu werden. Bio-Reaktoren? Braucht es diese Sprache, um ihnen Gefühle abzusprechen? Um sie zu Dingen zu machen? Ist es nur dann möglich, ihnen ohne schlechtes Gewissen all das anzutun? Weil sie ja eben weniger wert sind? Weniger Lebewesen als Produktionsmittel? Und wenn wir das jetzt übertragen: Wie reden Menschen heute über Menschen? Was macht die Sprache mit unserer Ethik? Unserer Moral?
Ich glaube, ich sollte mal wieder Victor Klemperers LTI lesen.
(grit)
